Sachsen

Leipzig, Ortsteil Zentrum-Ost (Ostvorstadt) – Grafisches Viertel

Grafisches Viertel, Reclamkarree

Grafisches Viertel, Reclamkarree

Die bauliche Entwicklung der Ostvorstadt setzte bereits 1278 ein. Eine großflächige Bebauung des Gebietes begann aber erst im 17. Jahrhundert und erfuhr seinen Höhepunkt seit dem frühen 19. Jahrhundert, als viele grafische Betriebe ihren Sitz aus der Innenstadt nach Osten verlagerten. Die Ostvorstadt, die sich aus der Grimmaischen Vorstadt entwickelte, setzt sich aus mehreren Teilen zusammen, die die städtebauliche Entwicklung des Gebietes verdeutlichen. Die Ostvorstadt wird heute als Zentrum-Ost bezeichnet.

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Ostvorstadt (Grafisches Viertel)

Geschichte

Grafisches Viertel, Dresdner Straße

Grafisches Viertel, Dresdner Straße

Die Ostvorstadt ist eine für die Entwicklung Leipzigs zur Großstadt bedeutendsten Stadterweiterungen. Ältester Teil der Ostvorstadt ist die Grimmaische Vorstadt, die im 15. Jahrhundert wegen ihrer Lage an der Straße nach Grimma so genannt wurde. 1278 erwirbt eine Gruppe Leprakranker Land und errichtet bis 1305 das Leprosenkonvet zu St. Johannis, das spätere Johannishospital.

Im 16. Jahrhundert entstanden die Johanniskirche (kriegszerstört) und das Johannishospital.

Die großflächige Bebauung setzte erst im 17. Jahrhundert ein. Aufgrund steigender Druckaufträge für Leipziger Druckereien verlagerten viele Betriebe ihren Sitz nach Osten – das Grafische Viertel entstand. Nach 1830 entstanden die ersten planmäßigen Stadterweiterungen. Mit der Eröffnung des Bayrischen Bahnhofs erfuhr die Ostvorstadt eine nochmalige Erweiterung. Den nördlichen Teil des Zentrums-Ost nimmt der Hauptbahnhof mit seinen großflächigen Gleisanlagen ein.

Grafisches Viertel, Hauptpost am Augustusplatz

Grafisches Viertel, Hauptpost am Augustusplatz

Im 2. Weltkrieg wurde das Grafische Viertel zu 80% zerstört. Die Ostseite des Georgirings wurde zwischen 1960 und 1965 neu bebaut, u.a. entstanden die neue Hauptpost und das Wintergartenhochhaus, mit 32 Geschossen eines der höchsten Wohngebäude Deutschlands. Nach 1990 wurden im Grafischen Viertel zahlreiche große Bauvorhaben umgesetzt, darunter die Neubebauung am Friedrich-List-Platz und der Bau des Brockhaus-Zentrums.

Die Ostvorstadt setzt sich aus mehreren Teilen zusammen, die die städtebauliche Entwicklung des Gebietes verdeutlichen. Im Grafischen Viertel, zwischen dem Zentrum und Reudnitz gelegen, konzentrierten sich seit dem 19. Jahrhundert Verlagshäuser, Verlagsbuchhandlungen, Druckereien und Buchbindereien. Erster bedeutender Verlag, der sich ansiedelte, war der Brockhaus-Verlag. Es folgten 1862 der Verlag Philipp Reclam jun., 1864 der Teubner-Verlag, 1867 der Verlag Breitkopf & Härtel und 1888 der J.C. Hinrichs-Verlag. Um 1900 hatten sich mehr als 2.000 Unternehmen des Buchgewerbes im Grafischen Viertel niedergelassen. In diesen Unternehmen arbeitete jeder zehnte Leipziger und jedes fünfte in Deutschland erschienene Buch kam aus Leipzig. Zwei Luftangriffe am 4. Dezember 1943 und am 27. Februar 1945 zerstörten das Grafische Viertel schwer. 50 Millionen Bücher sollen verbrannt sein.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Grafische Viertel nur beschränkt wieder aufgebaut und die Bausubstanz vernachlässigt. Die Enteignung verbliebener Betrieb in den 1950er Jahren und der Weggang der Verleger nach Westdeutschland setzten dem Grafischen Viertel und damit der Verlagstradition in Leipzig ein Ende.

Grafisches Viertel, Brockhauszentrum

Grafisches Viertel, Brockhauszentrum

Eine Wiederbelebung setzte mit dem Bau des Brockhaus-Zentrums 1993 bis 1995 ein. Es folgten der List-Bogen, die Gutenberggalerie und die Sanierung des Reclamgebäudes. Am 4. Dezember 1993, 50 Jahre nach der ersten Zerstörung des Grafischen Viertels, erfolgte der erste Spatenstich für den Bau des Haus des Buches am Gerichtsweg.

Die Friedrichstadt, benannt nach dem sächsischen König Friedrich August II., liegt im Bereich der Salomonstraße, Egelstraße, Lange Straße und Dresdner Straße und ist der Vorläufer des Grafischen Viertels. Einige Gebäude aus der frühen Bebauungszeit sind erhalten geblieben.

Grafisches Viertel, Lange Straße

Grafisches Viertel, Lange Straße

Die Milchinsel (später Marienvorstadt) ist heute ebenfalls Teil des Grafischen Viertels. Benannt ist die Milchinsel nach einem Garten mit einem beliebten Ausflugslokal. Die Straße An der Milchinsel erinnert bis heute daran.

Rundgang durch die Ostvorstadt (Grafisches Viertel)

Der Rundgang durch das Grafische Viertel beginnt am Johannisplatz (Haltestelle Haltestelle Straßenbahn 4 Richtung Stötteritz, 7 Richtung Sommerfeld und 12 Richtung Johannisplatz). Folgen Sie der Dresdner Straße nach Osten.

Grafisches Viertel, Dresdner Straße, Haus des Handwerks

Grafisches Viertel, Dresdner Straße, Haus des Handwerks

An der Kreuzung Salomonstraße steht das Interdruck-Palais, einer der größten grafischen Betriebe der DDR, das zu einer Wohnanlage umgebaut wurde. An der Kreuzung Scherlstraße befindet sich das Haus des Handwerks, vormals die Druckerei Brandstetter. Zwischen Scherlstraße und Langer Straße finden Sie noch einige Wohnhäuser aus der frühen Bebauung der Friedrichstadt.

Biegen Sie nach links in die Lange Straße ein, folgen Sie ihr bis zur Kreuzstraße und biegen Sie nach links ab. Auf der rechten Straßenseite sehen Sie bereits den großen Gebäudekomplex des Reclam-Karrees.

Grafisches Viertel, Inselstraße, Robert-Schumann-Haus

Grafisches Viertel, Inselstraße, Robert-Schumann-Haus

Sie kommen auf die Inselstraße. In der Inselstraße Nr. 18 befindet sich das Robert-Schumann-Haus mit Museum. Gehen Sie durch die Inselstraße entlang des Reclam-Karrees und biegen Sie nach rechts in die Egelstraße. Am Marienplatz befinden Sie sich in der Marienvorstadt. Gehen Sie durch den kleinen Park zur Langen Straße und gehen Sie nach links zur Ludwig-Erhard-Straße.

Am Friedrich-List-Platz steht der große Gebäudekomplex des Listbogens. Gehen Sie weitere geradeaus über den Friedrich-List-Platz, vorbei am List-Haus und biegen Sie nach links in die Mecklenburger Straße zum Industriepalast.

Grafisches Viertel, Listbogen

Grafisches Viertel, Listbogen

Gehen Sie dann in die Hans-Poeche-Straße. In diesem Teil der Ostvorstadt sind die Auswirkungen der Zerstörungen des 2. Weltkrieges noch deutlich zu sehen.

Der Hans-Poeche-Straße folgen Sie bis zur Chopinstraße und biegen nach links. Hier finden sie einige villenartige Wohnhäuser.

Gehen Sie die Chopinstraße bis zu ihrem Ende und biegen Sie nach links in die Schützenstraße ein.

Grafisches Viertel, Chopinstraße, Kugeldenkmal

Grafisches Viertel, Chopinstraße, Kugeldenkmal

Hinter dem Wintergartenhochaus folgen Sie der Querstraße nach links zum Brockhauszentrum. In Czermaks Garten steht ein imposanter, wenn auch sehr ruinöser Industriebau und in der Littstraße befinden sich Spamers Höfe, ein mehrteiliger Wohn- und Gewerbekomplex.

Gehen Sie die Querstraße bis zu ihrem Ende, kommen Sie wieder auf den Johannisplatz.

Sehenswertes im Grafischen Viertel

Ehem. Buchdruckerei Oscar Brandstetter: (Haus des Handwerks, Dresdner Straße 11 bis 13), 1906 erbaut im Stil der Neorenaissance nach Plänen von Curt Nebel, reiches Fassadendekor mit Bezug auf die Nutzung des Hauses, Mittel- und Seitenrisalite, Gebäudeecke turmartig ausgebildet, anschließender Klinkerbau mit Turmaufbauten,

Reclam-Karree: (Kreuzstraße/Inselstraße) Klinkerbau mit Sandsteinrisaliten, 1905 erbaut, Haupteingang mit drei Zugängen im Mittelrisalit, Dreiecksgiebel mit von Löwen flankierter Uhr, Seitenrisalite mit Säulenädikula und Segmentgiebel,

Robert-Schumann-Haus: (Inselstraße 18) dreigeschossiges, klassizistisches Wohnhaus, 1828 errichtet, Mittelrisalit mit Attika, feingegliedertes Baudekor, 1840 bis 1844 Wohnhaus von Robert und Clara Schumann,

Weitere Empfehlungen

Grafisches Viertel, Bahnpostamt

Grafisches Viertel, Bahnpostamt

Bahnpostamt: (Brandenburger Straße), neobarocker Bau gegenüber des Hauptbahnhofes, achtzehnachsig, Mittelrisalit mit Portal, dreiachsig mit Wellengiebel, Seitenrisalite mit Gaube,

Reichsbahnamt: (Brandenburger Straße), historistischer Klinkerbau mit klarer Fassadengliederung, Ostteil zerstört und nach 1945 vereinfacht und überhöht wieder aufgebaut,

Bildergalerie Grafisches Viertel

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Autor: Mirko Seidel am 18. Okt 2013 11:29, Rubrik: Sachsen, Stadt Leipzig, Stadtansichten, Zentrum, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL


3 Reaktionen zu “Leipzig, Ortsteil Zentrum-Ost (Ostvorstadt) – Grafisches Viertel”

  1. Schodnik Yvonne schreibt

    Wunderschön schön beschrieben. Da ich vor 2 Jahren wieder einmal da war , hab ich Euren Rundgang lebendig vor meinem geistigen Auge erlebt.
    Ich habe viele Fotos und Videos gemacht, um es meiner Familie zu zeigen. Es gibt soviel zu sehen und was mittlerweile aus so manchem grauen Haus für leuchtende Schönheit geworden ist. Wunderschön, eine Stadt, die ein Kleinod war, nicht für umsonst wurden Künstler angezogen, wird wieder zu einem schönen Schmetterling. Passt gut auf sie auf. Nicht alles Neue ist auch gut oder besser. Gerade die alte Architektur ist so reizvoll.

    Lbg grüße ys

    Lb
    Danke und weiter viele schöne Berichte.

  2. Mirko Seidel schreibt

    Danke 🙂

  3. Horst-Dieter Weyrauch schreibt

    Danke für die wunderbaren Aufnahmen! Erinnerungen werden wach! Seit 1957 aus der Vaterstadt in die „Ost“-Welt ausgewandert, jetzt in Potsdam lebend, wird die Sehnsucht geweckt! Im Frühjahr ist ein Besuch ganz gewiss!

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