Reudnitz-Thonberg

Leipzig – Ortsteil Reudnitz-Thonberg

Reudnitz-Thonberg, Ostplatz

Reudnitz-Thonberg. Ostplatz

Reudnitz-Thonberg ist ein Ortsteil im Osten der Stadt Leipzig, ca. 2 km vom Augustusplatz entfernt.
Der Ortsteil Reudnitz-Thonberg besteht aus den Stadtteilen Reudnitz und Thonberg. Reudnitz war eine kleine slawische Siedlung im Bereich der heutigen Koehlerstraße. Thonberg bestand aus einem Vorwerk mit einer kleinen Siedlung.

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Reudnitz-Thonberg

Geschichte

Reudnitz wurde im 7./8. Jahrhundert von slawischen Siedlern gegründet. Der Ortsname bedeutet Urbarmachung. Durch Zuzug deutscher Bauern entstand im 12. Jahrhundert der Ort Tutschendorf (Dorf der Deutschen). Durchgesetzt hat sich der slawische Name. Erstmals erwähnt wurde Reudnitz 1248 in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich. Prägend für die Reudnitzer Flur war seit dem 15. Jahrhundert der Anbau von Gemüse, vor allem Kohl. Der Name Kohlgartenstraße erinnert bis heute daran. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Reudnitz mehrfach geplündert und gebrandschatzt.

Reudnitz-Thonberg, Leipziger Brauhaus zu Reudnitz

Reudnitz-Thonberg, Leipziger Brauhaus zu Reudnitz

Im späten 18. Jahrhundert wurde Reudnitz zum Wohnsitz wohlhabender Leipziger Bürger. Wegen der niedrigen Preise zogen seit dem 1. Drittel des 19. Jahrhunderts immer mehr Leipziger in den Ort. Die Sozialstruktur veränderte sich. Die Einwohnerzahl stieg von ca. 400 im Jahr 1822 auf 3.000 im Jahr 1847. Haupterwerbsquelle war weiterhin der Gemüseanbau. Reudnitzer Spargel war über die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannt.

1855 begann die Industriealisierung in Reudnitz. Christian Mansfeld ließ am Mühlweg eine Fabrik für Nähmaschinen und polygrafische Hilfsmaschinen errichten. 1862 kam es zur Gründung der Leipziger Bierbrauerei zu Reudnitz durch Adolf Schröder. Mit 7.644 Einwohnern war Reudnitz 1864 die größte Landgemeinde Sachsens. Die stetig anwachsende Bevölkerungszahl machte den Bau neuer Wohnhäuser notwendig. So wurde um 1860 Neu-Reudnitz südlich des Mühlweges angelegt. 1864 erhielt der neue Ortsteil den Status einer selbständigen Landgemeinde, aber bereits 1866 legte der Gemeinderat von Reudnitz einen Vertragsentwurf zur Eingliederung in die Stadt Leipzig vor. Der Entwurf wurde vom Leipziger Stadtrat aber 1867 abgelehnt.

Reudnitz-Thonberg, Koehlerstraße

Reudnitz-Thonberg, Koehlerstraße

Die fruchtbaren Gemüsefelder wurden seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr bebaut. 1888 lebten in Reudnitz 22.500 Menschen. Damals gab es über 70 Fabriken. Mit dem Bau des Eilenburger Bahnhofs 1874 erhielt Reudnitz seinen eigenen Anschluss an das Verkehrsnetz. Der industrielle Aufschwung zog den Bau neuer Gebäude nach sich. 1882-1884 wurde die Markuskirche an der Dresdner Straße erbaut (abgebrochen), 1889 das Rathaus (kriegszerstört) und 1892-1893 die katholische Laurentiuskirche (Witzgallstraße).

Am 01. Januar 1889 wurde Reudnitz nach Leipzig eingemeindet. Wegen Platzmangel zogen zahlreiche Betriebe in die weiter östlich gelegenen Stadtteile. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden große Wohnsiedlungen, wie die Meyerschen Häuser und genossenschaftliche Wohnanlagen.

Reudnitz-Thonberg, Reudnitz-Center

Reudnitz-Thonberg, Reudnitz-Center

Bei einem Bombenangriff im Jahr 1943 wurden u.a. das Rathaus und der Eilenburger Bahnhof zerstört und in der Folgezeit abgebrochen. Viele zentrumsnahe Straßenzüge, Industrieanlagen und grafische Betriebe wurden in Mitleidenschaft gezogen. Weitere historische Bausubstanz an der Kreuzstraße fiel seit den späten 1970er Jahren dem Abriss zum Opfer und wurde durch Plattenbauten ersetzt. Anstelle des stillgelegten Straßenbahndepots an der Dresdner Straße wurde ein Einkaufszentrum, das Reudnitz-Center, errichtet und das brachliegende Gelände des Eilenburger Bahnhofs zu einem Stadtteilpark umgestaltet (Lene-Voigt-Park).

Reudnitz-Thonberg, Technisches Rathaus

Reudnitz-Thonberg, Technisches Rathaus

Thonberg wird erstmals 1395 erwähnt. Benannt ist der Ort nach den nahe gelegenen Tongruben. 1524-1542 wird das Vorwerk Thonberg erbaut. Bereits 1658 kommt es nach Beschuss im Dreißigjährigen Krieg zum Niedergang des Gutes. 1839 begründet Eduard Wilhelm Güntz die Heilanstalt für Geisteskranke. Die im 2. Weltkrieg zerstörte Erlöserkirche wurde 1868-1869 erbaut nach Plänen von Hugo Altendorff. 1890 kam es zur Eingemeindung Thonbergs nach Leipzig. 1892 eröffent die Arbeitsanstalt St. Georg und 1910 erhielt Thonberg einen eigenen Bahnanschluss mit Bahnhof. 1913 geht die Zweiganstalt des Johannishospitals in Betrieb, die seit 1951 als Feierabendheim Martin Andersen Nexö genutzt wird und heute als Seniorenwohnheim, für Arztpraxen und als Bürgerbüro genutzt wird. Auf dem Gelände des Gutes Thonberg fand 1913 die Internationale Baufachausstellung und später die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik (BUGRA) statt. 1926 erfolgt der Abriss des Vorwerks, um Platz für die Technische Messe zu schaffen.

Die Prager Straße, zentrale Achse zwischen der Alten Messe und der Innenstadt wurde im 2. Weltkrieg stark zerstört. Sie sollte nach 1990 als repräsentative Messemagistrale neu entstehen. Die politischen Veränderungen verhinderten dies zunächst. 1992 begann der Ausbau der Prager Straße, es entstanden u.a. das Technische Rathaus und die Ostplatzarkaden. Eine vollständige Bebauung der Prager Straße ist bis heute allerdings nicht erfolgt.

Rundgang durch Reudnitz-Thonberg

Der Rundgang durch Reudnitz beginnt an der Haltestelle Riebeckstraße/Oststraße (Haltestelle Straßenbahn 4 Richtung Stötteritz und 7 Richtung Sommerfeld, sowie Buslinie 70). Folgen Sie der Riebeckstraße nach Süden und biegen sie nach links in die Lipsiusstraße ab. Sie befinden sich in dem Teil von Reudnitz, der zwischen den beiden Weltkriegen mit geschlossenen Wohnanlagen bebaut wurde. In der Möbiusstraße steht die Humboldtschule, ein Neorenaissancebau aus der Jahrhundertwende. Die Kurt-Günther-Straße mit ihren sanierten Genossenschaftshäusern und dem breiten, begrünten Straßenraum ist ein sehr schönes Beispiel für den Wohnungsbau in Leipzig im frühen 20. Jahrhundert,

Reudnitz-Thonberg, Kurt-Günther-Straße

Reudnitz-Thonberg, Kurt-Günther-Straße

Folgen Sie der Kurt-Günther-Straße bis zu ihrem Ende. Vorbei an nun großzügiger gestalteten Wohnquartieren aus den 1920er und 1930er Jahren kommen Sie zu den Meyerschen Häusern. Die imposante Wohnanlage, benannt nach dem Verleger Hermann Julius Meyer, entstand zwischen 1903 und 1908 im Stil des Historismus. Meyer versuchte, der Wohnungsnot in Leipzig durch den Bau preiswerter Arbeiterwohnungen entgegenzutreten. Entstanden sind in Reudnitz 447 standardisierte Wohnungen unter sehr guter Ausnutzung eines schmalen Grundstücks. Preiswert hieß bei Meyer nicht, schlicht. Der Wohnkomplex ist durch gegliederte Fassade, Turmaufbauten an den Zugängen und Toranlagen geprägt.

Folgen Sie der Hofer Straße nach Süden, treffen Sie auf die Stötteritzer Straße. In dem großen, kammartig ausgeführten Gebäudekomplex sind heute u.a. ein Seniorenheim und das Bürgerbüro untergebracht.

Biegen Sie nun nach links auf die Riebeckstraße ab und gehen Sie zur Prager Straße. Während die westliche Straßenseite mit dem Technischen Rathaus und den Ostplatzarkaden nach 1990 neu bebaut wurde, sind auf der östlichen Straßenseite die Wohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert teilweise erhalten geblieben. Der Ostplatz ist einer der vier in Leipzig nach den Himmelsrichtungen benannten Plätze. Sie markieren die einstige äußere Stadtmauer. Am Ostplatz stand das Hospitaltor. Die Westseite des Platzes wurde im 2. Weltkrieg teilweise zerstört und nicht wieder bebaut. Die Ostseite zeigt die für Reudnitz typische Gründerzeitbebauung mit zwei markanten Eckbauten.

Gehen Sie nun durch die Johannisallee nach Osten, vorbei an stattlichen Gründerzeitbauten zum Lene-Voigt-Park, dem Stadtteilpark von Reudnitz. Einst Standort des Eilenburger Bahnhofs, nach dem 2. Weltkrieg vernachlässigt und verwahrlost, ist der Lene-Voigt-Park heute die „Grüne Lunge“ von Reudnitz.

Reudnitz-Thonberg, Lene-Voigt-Park und Eilenburger Straße

Reudnitz-Thonberg, Lene-Voigt-Park und Eilenburger Straße

Gehen Sie zunächst durch den Park auf den Hauptweg und wenden Sie sich nach rechts. Nehmen Sie einen der Ausgänge zur Reichpietschstraße und folgen Sie ihr bis zur Sigismundstraße. Dort, wo links die Bebauung endet, beginnt der Reudnitzer Park, einst der Friedhof von Reudnitz. Durchlaufen Sie den Park diagonal zum Täubchenweg, überqueren Sie diesen und folgen Sie der Anna-Kuhnow-Straße. Hier sehen Sie das jüngste Städtebauprojekt in Reudnitz – Stadthäuser für junge Familien mit kleinen Gärten.

Am Ende der Anna-Kuhnow-Straße stoßen Sie auf die Dresdner Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an der Koehlerstraße, liegt der Entstehungsort des Dorfes Reudnitz. Von dem einstigen Dorf ist heute nichts mehr zu sehen.
In dem kleinen Park stand bis zu ihrem Abriss in den 1980er Jahren die Markuskirche.

Von der Haltstelle Koehlerstraße können Sie mit den Straßenbahnlinien 4 und 7 zum Augustusplatz oder zum Hauptbahnhof fahren.

Sehenswertes in Reudnitz-Thonberg

Kath. St. Laurentiuskirche: zweite katholische Kirche Leipzigs, mit anschließendem Kinderheim
1892-193 erbaut,
neogotischer Ziegelbau,
drei Altäre, Sandsteintaufe,

Reudnitz-Thonberg, Meyersche Häuser

Reudnitz-Thonberg, Meyersche Häuser

Meyersche Häuser: Hofer Straße, 1903-1908 nach Plänen
von Max Pommer errichtet,
zweizeilige Wohnanlage,
klinkergegliederte Putzfassaden, Zwerchgiebeln und Ecktürmen,

Weitere Empfehlungen

Leipziger Brauhaus zu Reudnitz: 1862 durch Adolf Schröder erbaut, wenige Jahre später an Carl Adolf Riebeck verkauft,
Putzfassaden, Gliederung durch Klinker,

ehemaliges Heizkraftwerk Eilenburger Straße:
Expressionistischer Klinkerbau aus dem frühen 20. Jahrhundert mit hohem Heizhaus und Schornstein,

Postfiliale Lilienstraße: Expressionistischer Putzbau mit markanten, monumentalen Plastiken dreier Köpfe

Seemann-Karree Prager Straße/Gerichtsweg: Standort des Seemann-Verlages, nach Zerstörungen im 2. Weltkrieg Neubebauung des Firmengeländes unter Einbeziehung der historischen Bausubstanz für einen Gewerbe- und Verwaltungskomplex,

Berühmte Reudnitzer

Lene Voigt, 1891 in Reudnitz geboren, war Kindergärtnerin und Buchhalterin. 1908 begann sie in sächsischer Mundart zu schreiben. 1929 verließ sie Leipzig und lebte in Bremen, Lübeck, Hamburg, Berlin und München. Von den Nationalsozialisten verboten und bespitzelt, musste sie sich in einer Nervenheilanstalt behandeln lassen. 1940 kehrte sie nach Leipzig zurück. Nach 1945 arbeitete sie zunächst wieder, blieb aber wegen ihrer psychischen Leiden freiwillig im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie. Sie verfasste das lustige Reisebild „Vom Pleißestrand nach Helgoland“ und die Sammlung „Leibzcher Lindenblieten“. Lene Voigt starb 1961 in Leipzig.

Christian Mansfeld wurde 1819 in Priesdorf in Anhalt geboren. Er lernte in Leipzig den Beruf des Schlossers. Eine Ausstellung amerikanischer Nähmaschinen brachte ihn zu dem Entschluss, selbst eine Nähmaschine zu konstruieren. 1861 begann Mansfeld zunächst mit der manuellen Fertigung, 1869 mit der industriellen. Er entwickelte bahnbrechende Spezialnähmaschinen für das Schumacher- und Sattlergewerbe. Christian Mansfeld starb 1893 in Leipzig.

Bildergalerie Reudnitz-Thonberg

Lesen Sie auch den Beitrag zu den Industriebauten in Reudnitz-Thonberg.

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Autor: Mirko Seidel am 11. Okt 2013 10:02, Rubrik: Reudnitz-Thonberg, Sachsen, Stadt Leipzig, Stadtansichten, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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