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Herrenhaus Großzschepa abgerissen

Rittergut Großzschepa, Bauschild

Wieder wurde ein Zeugnis der Orts- und Regionalgeschichte und ein Baudenkmal abgerissen – das Herrenhaus in Großzschepa. War das Gebäude nicht mehr zu retten und warum kam es soweit?

Großzschepa ist ein Ortsteil der Gemeinde Lossatal im Nordosten des Landkreises Leipzig. Der kleine Ort liegt zwischen Wurzen und Eilenburg, am Rand der Hohburger Berge. Das Rittergut Großzschepa war eine große, offene Rechteckanklage mit freistehendem Herrenhaus. Erbaut wurde das Herrenhaus um 1720 von Carl Reinhard von Hartitzsch.
Der stattliche, dreiflügelige Barockbau brannte 1742 ab und wurde danach wieder aufgebaut. 1883 wurde er restauriert. Nach der Enteignung 1945 wurde das Herrenhaus in Großzschepa zu Wohnzwecken genutzt. Der Grundstein für den allmählichen Verfall und schlussendlich den Abbruch dürfte bereits in dieser Zeit gelegt worden sein. Herrenhäuser waren bei den politisch Verantwortlichen in der DDR nicht beliebt.

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Sie galten als Symbole des Feudalismus und der Ausbeutung der Bauern. Das nicht noch mehr Herrenhäuser nach 1945 abgerissen wurden dürfte wohl nur dem Umstand zu verdanken sein, dass man nach dem 2. Weltkrieg dringend Wohnraum benötigte oder soziale Einrichtungen in die Gebäude einzogen.
Rittergut Großzschepa, Herrenhaus, Zustand April 2014

Rittergut Großzschepa, Herrenhaus, Zustand April 2014

Die Unterhaltung der Gebäude wurde auf das notwendigste Minimum beschränkt. Die Substanz wurde übernutzt und verschlissen. Die Wohnbedingungen waren zumeist schlecht und schließlich erfolgt zu Beginn der 1990er Jahre der Leerzug. Nicht mehr gebraucht, wurde auch die Bauunterhaltung beendet und der Verfall konnte ungehindert voranschreiten.

Das Herrenhaus in Großzschepa wurde 1960 und in den 1980er Jahren umgebaut. Dabei wurde auch das große barocke Treppenhaus entfernt. Nach der Wende wurde das Herrenhaus privatisiert. Der Eigentümer investierte nicht in das Ensemble.

Rittergut Großzschepa, Herrenhaus, Zustand April 2014

Rittergut Großzschepa, Herrenhaus, Zustand April 2014

Im Jahr 2012 gründeten Bürger den Förderverein Rittergut Großzschepa. Ziel des Vereins ist, die Gemeindeverwaltung bei Anträgen auf Förderung für den Abriss einzelner Gebäude, dem Erhalt denkmalschutzwürdiger Bausubstanz in Resten und der landschaftsplanerischen Ordnung für den Baumbestand und den Teich zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte es für die Rettung des Herrenhauses bereits zu spät gewesen sein.

Wie geht es weiter auf dem Rittergut Großzschepa?

Rittergut Großzschepa, Scheune, Zustand April 2014

Rittergut Großzschepa, Scheune, Zustand April 2014

Zum Rittergut Großzschepa gehören neben dem Herrenhaus auch ein Pächterhaus, eine Scheune, Stallgebäude und ein Wohnstallhaus, weiterhin ein Park mit Teich. Das Pächterhaus wurde 2014 komplett abgebrochen. Die Scheune ist für 2014 für den Abbruch vorgesehen. Die übrigen Wirtschaftsgebäude sind in einem so desolaten Zustand, dass ein Abriss unvermeidlich scheint. Das Herrenhaus wurde 2014 bis auf die Außenmauern des Erdgeschosses abgerissen. Das Bauschild verweist darauf, dass es sich um einen Teilabriss und Revitalisierung handelt.

Rittergut Großzschepa, Stallgebäude, Zustand April 2014

Rittergut Großzschepa, Stallgebäude, Zustand April 2014

Bei dem Abbruch eines dreigeschossigen Gebäudes bis auf die Außenmauern des Erdgeschosses von einem Teilabbruch zu reden, ist merkwürdig. Es bleibt abzuwarten, was mit den wenigen Resten des Herrenhauses in Großzschepa nun passiert.

Und es bleibt zu hoffen, dass das Herrenhaus in Großzschepa das letzte Herrenhaus im Landkreis Leipzig ist, das der Abrissbirne zum Opfer fällt.

Gefährdete Herrenhäuser im Landkreis Leipzig

Burkartshain, Herrenhaus

Burkartshain, Herrenhaus

Die Enteignung der Rittergüter in Ostdeutschland 1945, die mangelnde Bauunterhaltung und fehlende Investoren und Nutzungskonzepte haben zum Verfall vieler Herrenhäuser und Wirtschaftsgebäude geführt. Für einige konnten neue Eigentümer gefunden werden, andere sind baulich zumindest gesichert. Es gibt jedoch eine große Zahl von Herrenhäusern, deren Erhalt nicht gesichert ist.

Burkartshain (Stadt Wurzen)

Herrenhaus in Wäldgen

Herrenhaus in Wäldgen

Das Herrenhaus wurde nach 1945 umgebaut, zwei Ecktürme und der Fassadenschmuck wurden entfernt, das Gebäude erhielt ein zusätzliches Geschoss. Das Haus steht seit Jahren leer und zeigt deutliche Verfallsspuren.

Wäldgen (Stadt Wurzen)

Das Herrenhaus in Wäldgen wurde nach 1945 als Schule genutzt. Für das bereits stark verfallene Gebäude scheint keine Rettung mehr nöglich.

Herrenhaus in Threna

Herrenhaus in Threna

Threna (Gemeinde Belgershain)

Der Gutshof in Threna wurde geteilt. Während der Teil mit den Wirtschaftgebäuden saniert und bewohnt ist, steht der Teil mit dem Herrenhaus leer und verfällt.

Sahlis (Stadt Kohren-Sahlis)

Das Herrenhaus Sahlis steht seit vielen Jahren leer. Auch der anschließende Rokkokogarten ist verwildert.

Kohren-Sahlis, Rittergut Sahlis

Kohren-Sahlis, Rittergut Sahlis

Motterwitz (Stadt Colditz)

Das Rittergut Motterwitz wurde bis zu Beginn der 1990er Jahre landwirtschaftlich genutzt. Seitdem steht es leer und verfällt.

Lossa (Gemeinde Thallwitz)

Das Herrenhaus in Lossa ist teilgesichert. Das Dach wurde 2003 gedeckt und im Inneren teilweise neue Decken

Motterwitz, Rittergut

Motterwitz, Rittergut

eingezogen. Ein Nutzungskonzept gibt es aber für das nur schlecht gesicherte Gebäude nicht.

Großdeuben (Stadt Böhlen)

Dach und Fassade des Herrenhauses in Großdeuben wurden aufwändig saniert. Fenster und Türen oder wenigstens eine Notsicherung der Öffnungen erhielt das Gebäude aber nicht. So sieht das Herrenhaus in Großdeuben auf den ersten Blick gerettet aus.

Herrenhaus in Lossa

Herrenhaus in Lossa

Auf den zweiten Blick aber nicht. Da das Herrenhaus nicht gesichert ist, ist es dem Vandalismus ungeschützt ausgeliefert. Regen und Schnee können in das Gebäude eindringen. Sanierung – gut gemeint aber leider nur halbherzig gemacht.

Böhlen (Stadt Grimma)

Das Herrenhaus in Böhlen wurde in der DDR als Kinderheim genutzt. Seit mehr als 20 Jahren steht es leer.

Herrenhaus Großdeuben

Herrenhaus Großdeuben

Große Schäden sind bisher nicht zu erkennen, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit, wenn keine Nutzung gefunden wird.

Auligk, Rittergut Untern Teils, Oberhof (Stadt Groitzsch)

Das Herrenhaus des Oberhofes in Auligk steht seit etwa 20 Jahren leer. Erste Schäden sind bereits erkennbar. Der Verfall schreitet unaufhaltsam voran.

Böhlen (Grimma), Herrenhaus

Böhlen (Grimma), Herrenhaus

Dies sind nur einige gefährdete Objekte im Landkreis Leipzig. Ihre Zahl ist leider größer und auch in anderen Landkreisen und in den kreisfreien Städten Sachsens sind ruinöse und kaum mehr zu erhaltende Gebäude anzutreffen.

Schwierige Eigentumsverhältnisse, die Teilung des einstigen Grundbesitzes und deren nicht wieder Zusammenführung sind weiter Hindernisse für die Revitalisiserung alter Rittergüter neben der schwachen Wirtschaftsstruktur und dem demographischen Wandel.

Auligk, Rittergut Untern Teils, Oberhof

Auligk, Rittergut Untern Teils, Oberhof

Ideen sind gefragt, Nutzungskonzepte und auch der Denkmalschutz sollte hin und wieder großzügig sein, wenn es darum geht, irreversible Veränderungen an einem Denkmal vorzunehmen um es damit erhalten zu können.

Lesen Sie zu diesem Beitrag auch den Artikel: Rittergut Großzschepa – was übrig bleibt.

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Autor: Mirko Seidel am 8. Apr 2014 08:09, Rubrik: Artikel, Artikel & Berichte, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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