Stadt Leipzig

Leipziger Architektur-Allerlei

Das Alte Rathaus in Leipzig - eines der schönsten Renaissancerathäuser Deutschlands

Das Alte Rathaus in Leipzig – eines der schönsten Renaissancerathäuser Deutschlands

2010 bin ich nach Leipzig gezogen. Davor war ich zwei, drei Mal im Jahr in der Stadt und wusste anfangs nicht, was ich mit der Stadt anfangen sollte. Eine schöne Stadt, ja. Aber soviel durcheinander bei den Häusern. Da ein Renaissancebau, dort eine prächtige Barockfassade, dazwischen Gebäude, bei denen ich nicht wusste, ist es nun Historismus oder Jugendstil, DDR-Bauten und moderne Neubauten. Ein kunterbuntes Sammelsurium, Leipziger Allerlei eben.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich genau das als das Besondere an der Stadt Leipzig erkannt habe. Und ich musste mich auch in die Stadtgeschichte vertiefen.

Leipzig, das ist die Stadt des Handels, der Messe, der des Pelzgewerbes. Leipzig ist aber auch die Stadt der Kriege, der Zerstörung. All das hat das Stadtbild über Jahrhunderte geprägt. Aus der mittelalterlichen Stadt wurde im 16. Jahrhundert eine prächtige Renaissancestadt – Altes Rathaus, Alte Waage und einige Bürgerhäuser in der Hainstraße künden von der ersten Blütezeit der Stadt.

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Alte Handelsbörse am Naschmarkt in Leipzig

Alte Handelsbörse am Naschmarkt in Leipzig

Die Bürger der nun wichtigsten Messestadt im Heiligen Römischen Reich wollten im 18. Jahrhundert der Residenzstadt Dresden nicht nachstehen und gaben ihrer Stadt ein barockes Gesicht – Romanushaus, Alte Börse und einige Häuser in der Katharinenstraße blieben uns erhalten.

Als Leipzig sich Weltmessestadt nannte und die Leipziger die Mustermesse erfanden machten sie das, was sie am liebsten gemacht haben – sie rissen erst einmal ihre halbe Innenstadt ab und bauten sich prächtige Messehäuser und Messepaläste – Reichshof, Specks Hof, Zentralmessepalast, Petershof, Stentzlers Hof und Handelshof.

Wohnhaus im Waldstrassenviertel in Leipzig

Wohnhaus im Waldstrassenviertel in Leipzig

Die Zeit der Industrialisierung prägt die Stadt bis heute am meisten. Mit dem Waldstraßenviertel entstand eines der schönsten Gründerzeitviertel Deutschlands, Bank- und Versicherungsbauten prägten den Innenstadtring. Stadt und Staat wollten nicht nachstehen, die Leipziger Räte ließen sich das nach Fläche viertgrößte Rathaus Europas bauen, der Staat baute den zweitgrößten Staatsbau Deutschlands in Leipzig – das Reichsgericht.

Der Zweite Weltkrieg löschte vieles aus. Die Ideologen nach dem Krieg nahmen auch wenig Rücksicht. Bauten, die den Krieg überstanden hatten, wurden beseitigt. Paulinerkirche, Universität, Neues Theater, Bildermuseum, Altes Gewandhaus. Es schmerzt heute noch, die Bilder des verlorenen Leipzigs zu sehen.

Ehem. Verwaltungsgebäude VEB Brühlpelz Leipzig

Ehem. Verwaltungsgebäude VEB Brühlpelz Leipzig

Es wurde wiederaufgebaut. Es musste ja weiter gehen, die Messe musste ja weiter gehen. Ein neues Stadtzentrum sollte entstehen, ein sozialistisches. Der Augustusplatz erhielt ein neues Gesicht und am Brühl entstand gleich ein ganz neues Stadtzentrum mit dem bei den Leipzigern sehr beliebten Sachsenplatz. Sachsenplatz? Kennen Sie nicht? Kein Wunder, den gibt es nicht mehr. Nach 1990 besann sich wieder darauf, den alten Stadtgrundriss zu reparieren und der Sachsenplatz musste dem Museum der bildenden Künste weichen.

In den 1990er Jahren konnte man in Leipzig erahnen, was es heißt, eine Stadt aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Kran neben Kran, Baustelle neben Baustelle. In zwanzig Jahren wurde in die Leipziger Innenstadt einmal umgekrempelt. Die Kriegslücken verschwanden, manches DDR-Gebäude verschwand, manches alte Gebäude verschwand und wurde mit neuer alter Fassade wieder hingestellt.

Specks Hof in Leipzig

Specks Hof in Leipzig

Und Leipzig hat noch einen verborgenen Schatz – seine Höfe und Passagen. Verlassen Sie mal die Straßen und gehen sie in die Tordurchfahrten und Eingänge. Sie werden erstaunt sein, verbirgt sich doch hinter den prächtigen Fassaden manch prächtiger Hof, Durchgang oder Passage. Gehen Sie ruhig rein, schlimmstenfalls werden Sie wieder rausgeworfen, aber das passiert nur sehr selten. Ein paar Tipps gefällig? Gern, Steibs Hof in der Nikolaistraße mit dem Aufzug, mit dem die Bündel mit den Fellen einst ins Dachgeschoss gezogen wurden, glasierten Klinkern und Bleiglasfenstern oder das Haus zur Goldenen Hand mit einem Innenhof, der eher an ländliche Idylle erinnert oder gleich gegenüber der Durchgang im Zeppelinhaus.

Moderne gefällig? Gern, in der Strohsackpassage gleich an der Nikolaikirche oder sind sie eher kunstinteressiert? Dann gehen Sie in Specks Hof, dessen drei Höfe von unterschiedlichen Künstlern gestaltet wurde. Die Mädlerpassage müssen Sie natürlich besichtigen mit den Figuren der Faustsage. Und dann gehen Sie unbedingt noch in Stenzlers Hof in der Petersstraße – sie werden schon sehen.

Nikolaikirche zu Leipzig

Nikolaikirche zu Leipzig

Überhaupt ist Leipzig eine Stadt, wo man mal reingehen muss. Nikolaikirche z.B., außen eher schlicht, innen aber oho. Den Leipziger gefiel Ihre Kirche kurz von 1800 nicht mehr und so ließen sie sich einen der schönsten Kirchenräume des Klassizismus in Deutschland bauen. Das Kontrastprogramm finden Sie in der Thomaskirche. Außen stattlich, innen eine schlichte Klosterkirche. Bach hat die Thomaskirche so übrigens nicht gesehen, denn im 18. Jahrhundert wurde sie prächtig barock umgestaltet. Doch dann kam der Historismus. Wenn auf ihrem Programm ein Besuch des Bachmuseums am Thomaskirchhof steht, dann kommen sie automatisch ins Bosehaus mit seiner Durchfahrt mit toskanischen Säulen. Bach interessiert Sie nicht? Dann aber unbedingt das Bosehaus, man kommt auch ohne Eintritt in den Hof. Und nicht zuletzt Barthels Hof – Handelshof der Leipziger Warenmesse mit dem schönsten Erker Leipzigs. Erker im Hof ist eigentlich sinnlos, denn ich baue einen Erker, um auf die Straße zu schauen und um gesehen zu werden. Der Erker hing auch nicht im Hof, er hing am Markt. Doch mit dem Umbau des Hauses wurde der Erker in den Hof umgesetzt. Egal, Hauptsache, er ist noch da.

Der Erker in Barthels Hof in Leipzig

Der Erker in Barthels Hof in Leipzig

Marktgalerie, Kleiner Joachimsthal, König-Albert-Haus, Jägerhof, Fregehaus – die Liste lässt sich fortsetzen. Um die 30 Höfe, Passagen und Durchgänge gibt es in der Innenstadt. Aber Vorsicht – nicht verlaufen.

Nu simmer ferdsch, würde der Sachse sagen. Fast fertig, die eine oder andere Baustelle gibt es noch, das eine oder andere Haus steht noch leer. Doch gemach, das wird auch noch.

Wenn ich heute durch mein Leipzig laufe, dann kann ich es manchmal gar nicht fassen, dass ich in dieser unglaublich schönen Stadt lebe, leben darf. 800 Jahre Baugeschichte auf gerade einmal 50 Hektar Fläche.

Gotik neben DDR-Plattenbau, Renaissance neben klassischer Moderne, Barock neben moderner Kaufhausarchitektur und die Paulinerkirche ist auch wieder da, wenn auch anders – eben Leipziger Allerlei.

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Autor: Mirko Seidel am 21. Jan 2022 18:46, Rubrik: Stadt Leipzig, Tourismus, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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