Geschichte & Geschichten

500 Jahre Reformation – wo Luther wohnte, trank und speiste ….

… und was die Häuser der Stadt Leipzig noch zu erzählen haben

Das Neue Rathaus - Standort der Pleißenburg

Das Neue Rathaus – Standort der Pleißenburg

Viele Gebäude, in denen Martin Luther lebte, speiste und wirkte, sind in Leipzig nicht erhalten geblieben. Es wurde viel und oft abgerissen in der Messestadt. Doch Luthers Spuren lassen sich auch heute noch in Leipzig finden.

In der Hainstraße, Hausnummer 16 bis 18, steht heute das Hotel de Pologne, ein stattlicher Bau aus dem 19. Jahrhundert. Eine Gedenktafel erinnert an einen der Vorgängerbauten, das Haus des Buchdruckers Melchior Lotter. Hier wohnten Martin Luther und seine Begleiter während der Leipziger Disputation.

Willkommen waren Luther und sein Gefolge in Leipzig nicht, jedenfalls nicht beim Klerus, dem Rat und der Universität. Sie wollten den Ketzer, den Aufwiegler und Störenfried nicht. Das Machtwort der Landesherren entschied – das Streitgespräch findet in Leipzig auf der Festung Pleißenburg statt. Basta!

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Man empfing Luther nicht offiziell, bot ihm kein Quartier. Luther musste sich um alles selbst kümmern und bezahlen. Er kam unter bei Melchior Lotter in der Hainstraße, der später 40 Schriften von Luther druckte und verbreitete.

Anders die Delegation von Dr. Johannes Eck. Die hochwohllöblich geborenen Herren waren willkommen in der Stadt, der Rat stand Spalier, die honorigen Bürger machten ihre Aufwartung und als Gastgeschenk gab es einen gebratenen Hirsch.

Gedenktafel am Hotel de Pologne in Leipzig

Gedenktafel am Hotel de Pologne in Leipzig

Herzog Georg von Sachsen verbot das Drucken, die Verbreitung, ja sogar das Lesen der Schriften Luthers. Gegen ein Buch richtete sich dieses Verbot besonders – Luther Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. 1522 war die Luthers Übersetzung in Wittenberg in einer Auflage von ca. 5.000 Exemplaren gedruckt und mit Holzschnitten von Lucas Cranach versehen worden. Im November 1522 befahl der Herzog, dass jeder, der eine solche Bibel besitzt, sie bis spätestens Weihnachten im Amt abzugeben habe. Ganze vier Exemplare wurden in Leipzig abgegeben.

Das Verbot war wirkungslos, umso größer war die Wirkung der deutschen Fassung der Heiligen Schrift. Das merkte vor allem die Leipziger Universität. Die Leipziger Studenten liefen in Scharen von Leipzig nach Wittenberg.

In Dorfkirchen vor den Toren Leipzigs wurde nach Luthers Leere gepredigt. Die Gläubigen liefen aus der Stadt. Der Herzog ließ Aufpasser schicken, die jeden verhörten, der an den Gottesdiensten teilnahm. Wer sich dennoch öffentlich zu Luther bekannte, musste damit rechnen, der Stadt und des Landes verwiesen zu werden. Etwa 100 Bürger sind 1532/33 aus Leipzig vertrieben worden.

Gasthof Zu den drey Schwanen (links) 1870

Gasthof Zu den drey Schwanen (links) 1870

Am Brühl, wo heute ein modernes Einkaufszentrum steht, stand einst der Gasthof Zu den drey Schwanen. 1521 wurde Luther gebannt und geächtet. Sein Landesherr, Kurfürst Friedrich von Sachsen, wohl nicht ohne Grund der Weise genannt, ließ in vorsorglich auf die Wartburg bringen, wo er – so die Legende – innerhalb von elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzte.

Im Land aber rumorte es. Andreas Karlstadt setzte Luthers Lehre mit aller Macht durch – die Antwort von Herzog und Klerus ließ nicht lange auf sich warten. Tod und Gewalt bestimmten die Zeit. Das war nicht in Luthers Sinne. Er verlässt die Wartburg inkognito und kommt wieder nach Leipzig. Am 3. Dezember 1522 speist er im Haus des Schankwirts Hans Wagner, im Gasthaus Zu den drey Schwanen. Aus Martin Luther war Junker Jörg geworden, mit Rauschebart.

Ausgerechnet eine Dirne erkannte Luther, verriet ihn aber nicht. Doch Luther hat das noch lange gewurmt und seine Meinung über Leipzig geprägt: „Leipzig ist wie Sodom und Gomorrha mit Hurerei und Wucher überschüttet. Oh Leipzig, du bist ein böser Wurm. Über dich wird ein großes Unglück ergehen.“ Nun, 500 Jahre später können wir sagen – auch Luther irrte.

Gedenktafel in der Thomaskirche zu Leipzig

Gedenktafel in der Thomaskirche zu Leipzig

Pfingsten 1539 kam Luther nach Leipzig, um in der Thomaskirche die Reformation im albertinischen Sachsen einzuführen. Sein Weg führte ihn zu Heinrich Stromer, genannt der Auerbacher, dem Auerbachs Keller gehörte. Auerbachs Keller steht heute für die Faustsage, Mephisto und Goethe. Doch auch Luther weilte in den heute altehrwürdigen Kellergewölben, die damals gerade erst neu gebaut waren.

Im altehrwürdigen Thüringer Hof in Leipzig soll Martin Luther während seiner Aufenthalte in Leipzig öfters als Gast seines Freundes Dr. Heinrich Schmiedeberg geweilt haben. Im 2. Weltkrieg wurde der Thüringer Hof stark zerstört und modern wieder aufgebaut. Das Erdgeschoss ist jedoch vom alten Haus, hier könnte Luther gesessen, gegessen und getrunken haben. Gesichert ist das nicht, aber naheliegend, eine Gedenktafel sucht man am Thüringer Hof vergebens.

Der Erker in Barthels Hof in Leipzig

Der Erker in Barthels Hof in Leipzig

Ganz anders Barthels Hof. Hier speiste Luther wohl nicht. Barthels Hof erzählt eine ganz andere Geschichte. Der Erker in Barthels Hof ist in doppelter Hinsicht bedeutend. Er stammt aus dem Jahre 1523 und ist der älteste erhaltene Erker in Leipzig. Eine um ein Kreuz gewundene, vergoldete Schlange am Konsolstein des Erkers war die Namensgeberin des Hauses „Zur goldenen Schlange“. Zierbanderolen mit Bibelzitaten warnen vor falschem Glauben. Über dem unteren Fenster des Erkers befindet sich ein Brüstungsfeld mit einem aufgeschlagenen Buch und einer lateinischen Inschrift:
Dieses Haus hatte Hieronymus Walther der Ältere zuerst mit großzügigen Mitteln aufgeführt, als diese Stadt Georg, der berühmte Held, Herzog von Sachsen regierte, ein gottesfürchtiger Fürst. In dieser Zeit lenkst du 6. Hadrian im Bunde mit Karl V. das schwer erschütterte Schiff des armen Petrus.

Georg, der berühmte Held, Papst Hadrian VI., Nachfolger Leos X. und Kaiser Karl V. – die Herren sind namentlich erwähnt, die Luther mit seiner Leere am liebsten für immer zum Teufel gejagt hätten, vorab mehrere Millionen Jahre Fegefeuer, Ablassbrief unwirksam.

Wirtschaftlicher Erfolg der Kaufleute im 16. Jahrhundert war von vielen Faktoren abhängig, damals vor allem von politischer und religiöser Stabilität. Durch Verwendung des christlichen Symbols der Goldenen Schlange erhoffte der Hausherr göttlichen Beistand für sich und seine Familie, wie im 4. Buch Mose zu lesen ist:

Jeder der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie (die Schlange) sieht (AT, 4. Buch Mose 21,8) Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.
Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Der Erker ist Zeugnis einer außergewöhnlichen katholischen Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter und ein Gegenbeispiel zu Luthers Reformation. 1539 soll Luther vom diesem Erker aus zum Volk gepredigt haben. Belegt ist das allerdings nicht.

Das Alte Rathaus in Leipzig beherbergt seit 1909 das Stadtgeschichtliche Museum. Zu den herausragenden Exponaten gehören der Ehering von Katharina von Bora und Luthers Trinkbecher. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg und Kaiser Wilhelm II. tranken auch aus diesem Becher, was Inschriften belegen. Nicht weit entfernt vom Alten Rathaus, im Museum der bildenden Künste wird noch ein Zeugnis der Reformation und der darstellenden Kunst des 16. Jahrhunderts gezeigt. Martin Luther als Junker Jörg, gemalt von Lucas Cranach d.Ä.

Spotttafel im Hof des Fregehauses in Leipzig

Spotttafel im Hof des Fregehauses in Leipzig

Zwischen Markt und Bildermuseum steht noch ein Zeugnis der Zeitgeschichte, das Fregehaus. Im Innenhof des Fregehauses befindet sich eine kleine Sandsteintafel. Darauf sind abgebildet: Kaiser, Papst und ein Mönch sowie die Jahreszahl 1535. Gedeutet wird das Relief als „Verspottung Luthers“ – gewiss ist das allerdings nicht. Schaut man sich die Tafel genauer an, so sieht man, dass nur einer fröhlich gestimmt ist – Luther, während Papst und Kaiser missmutig dreinschauen.

Das Fregehaus wurde 1535 gebaut, von wem, ist nicht bekannt. So können wir auch nicht mit Sicherheit sagen, auf welcher Seite der Bauherr stand – auf der des Papstes oder auf Luthers Seite. Man darf spekulieren.

Das Reformationsdenkmal vor der ehem. Johanniskirche, 1907

Das Reformationsdenkmal vor der ehem. Johanniskirche, 1907

Ein Denkmal für die Leipziger Disputation gab es auch – vor der Johanniskirche. Es zeigte Luther und Melanchthon. 1943 wurde es für Kriegszwecke eingescholzen. Eine Neuschaffung wird derzeit diskutiert. Am historischen Ort der leipziger Disputation gibt es seit 2017 auch ein Denkmal. Eingelasen in Pfeiler und Abdeckungen des Kellers des Neuen Rathauses wurden die Bildnisse Luthers und Ecks eingelassen und ein Spruchband. Man muss wissen, wo man suchen muss, will man das Denkmal finden.

Lesen Sie zum 500. Reformationsjubiläum auch die folgenden Beiträge:

500 Jahre Reformation – Stadtführungen

„Luther in Leipzig“

Quellen:
Wolfgang Hocquél; Brigitte Riese: Auf den Spuren von Martin Luther in Leipzig, Passage-Verlag Leipzig, 2016
Sebastian Ringel: Die ganze Welt im Kleinen Leipziger Geschichten aus 1000 Jahren, Edition Leipzig 2015

Bildnachweise:
Gasthof Zu den drey Schwanen: https://de.wikipedia.org/wiki/Gewandhausorchester#/media/File:Haus_drei_Schwanen_Leipzig_1870.jpg
Lutherdenkmal: Von Hermann Walter (1838-1909) – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16953579

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Autor: Mirko Seidel am 30. Sep 2017 08:08, Rubrik: Geschichte & Geschichten, Stadt Leipzig, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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