Geschichte & Geschichten

300 Jahre Haus „Zum Arabischen Coffeebaum“ Leipzig

Das Haus "Zum Arabischen Coffeebaum"

Das Haus „Zum Arabischen Coffeebaum“

1556 wurde das Haus Fleischergasse 4 vom Vorderhaus Hainstraße 1 abgetrennt. Und erlangte den Rang eines selbstständigen Bürgerhauses. 1603 erhielt das Haus Schankrecht. 1703 wurde das Haus umfassend umgebaut und seit 1711 ist der Kaffeeausschank nachweisbar. Kaffeehäuser gab es in Leipzig schon früher – schon vor 1700 schenkte der Königlich Polnische und Churfürstlich Sächsische Hofchocoladier Johann Lehmann am Markt Kaffee aus. Trotzdem ist das Haus „Zum Arabischen Coffeebaum“ das älteste durchgängig betrieben Kaffeehaus in Europa, auch wenn es seit Ende 2018 geschlossen ist.

Besitzer des Hauses war 1703 der Gold- und Silberplättner Adam Heinrich Schütze, der in dem Haus mit seiner Tochter, Johanna Elisabeth, lebte. 1716 heiratete die erst 17jährige Johanna Elisabeth den 51-jährigen Johann Lehmann – ob es eine Liebesheirat war oder doch eher Kalkül von Herrn Lehmann, wer weiß. Der Rat der Stadt erteilte ihm 1716 die Erlaubnis, Tee, Kaffee und Schokolade ausschenken zu dürfen.

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Lehmann ließ das Haus erneut umbauen, verstarb aber vor der Wiedereröffnung 1719. So stand die Witwe Lehmann allein mit dem Haus da, wurde aber zur umtriebigen Wirtin. 1720 eröffnete sie das Haus „Zum Arabischen Coffeebaum und damit war das Kaffeetrinken in Deutschland legalisiert.
Es gab aber nicht nur Kaffee und Schokolade, auch andere Getränke und Speisen, wie Liköre, Wein und Gebäck, wurden angeboten. Nach 1742 war Johanna Rosina Külbel Besitzerin, älteste Schwester von Johanna Elisabeth Lehmann. Sie schenkte ab 1742 auch Bier aus.

Für eine Frau war es Anfang des 18. Jahrhunderts nicht so einfach, ein Kaffeehaus zu führen. Doch die Witwe Lehmann hatte einen namenhaften Verehrer und das war kein geringerer, als der sächsische Kurfürst August der Starke. Dem werden 365 Kinder nachgesagt – nicht mit einer Frau. Eines der Inder ist im Coffeebaum entstanden.

Portal des Hauses "Zum Arabischen Coffeebaum"

Portal des Hauses „Zum Arabischen Coffeebaum“

August war nicht nur Kurfürst von Sachsen, er war auch König von Polen, musste dafür zum katho- lischen Glauben wechseln, konnte sich zu Mutter und Kind nicht bekennen und er schenkt der Witwe Lehmann das prächtige Portal. Ich weiß zwar nicht, was Mutter und Kind davon hatten, aber wir können uns heute was Schönes anschauen.

Links ein Türke, der stützt sich auf die Kaffeekanne, rechts der dicke Knabe ist ein Europäer und der Türke reicht dem Europäer ein Schälchen Kaffee – die Gabe des Morgenlandes an das Abendland. Dahinter ein blühender Kaffeebaum, Im 18. Jahrhundert sollen in den Bürgergärten Leipzigs Kaffeebäume geblüht haben. Das können wir ins Reich der Legenden schieben, unser Klima eignet sich nicht, um Kaffeebäume zum Blühen zu bringen.

Im Arabischen Coffeebaum gabs auch Damen – leichte Damen. Das passte dem Leipziger Rat überhaupt nicht und er verbietet Frauen den Besuch von Kaffeehäusern. Was machten die Frauen? Sie trafen sich zuhause zum Kaffeekränzchen.

Prominente Stammgäste zu Johanna Elisabeths Zeiten waren neben August dem Starken der Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched, Johann Sebastian Bach, Christian Fürchtegott Gellert und Gotthold Ephraim Lessing. Hier verkehrte alles, was Rang und Namen hatte, so auch der Komponist Robert Schumann, der den Coffeebaum als Treffpunkt seiner Davidsbündlern nutzte. Johann Wolfgang von Goethe war hier (wo war der nicht), Napoleon Bonaparte, E. T. A. Hoffmann, Franz Liszt, Max Klinger und Richard Wagner als Student.

1978 wurde in der 1. Etage im Coffeebaum das „Leipziger Künstler-Café“ gegründet, das ab 1982 der monatliche Treffpunkt des „Literaturzentrums Leipzig“ war. In den oberen Etagen saß die Staatssicherheit und hat an der Decke gelauscht, was die Künstler zu besprechen hatten. 1994 bis 1998 wurde das Haus umfassend saniert und in den oberen Etagen ein Museum eingerichtet. Ende 2018 gab der letzte Pächter das Lokal auf aus Altersgründen und seitdem ist das Haus „Zum Arabischen Coffeebaum“ geschlossen – ein unhaltbarer Zustand.

weitere Quelle: https://research.uni-leipzig.de/agintern/frauen/lehmann.htm

Quelle:
Wolfgang Hoquél: Leipzig Architektur von der Romanik bis zur Gegenwart, Passage-Verlag Leipzig, 2010
Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, Pro Leipzig, 2005

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Autor: Mirko Seidel am 5. Jun 2020 18:34, Rubrik: Geschichte & Geschichten, Stadt Leipzig, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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