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Besuch in Pödelwitz mit schalem Beigeschmack

Gelbes Kreuz - Protest an der Pödelwitzer Kirche

Gelbes Kreuz – Protest an der Pödelwitzer Kirche

Ende März besuchte ich das Dorf Pödelwitz bei Groitzsch, ca. 30 km südlich von Leipzig. Pödelwitz, umrahmt von Feldern und Streuobstwiesen, liegt am Rand des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. Und genau das ist das Problem. Der Tagebau soll erweitert werden, Pödelwitz soll dafür weichen. Die Uhr tickt. 2018 soll der Abriss des Dorfes beginnen. Ist es noch notwendig, das Dorf abzureißen angesichts der Energiewende in Deutschland, die den Ausstieg aus der Verstromung der heimischen Braunkohle vorsieht?

Ende März 2017 am Morgen in Pödelwitz. Im Dorf ist es ruhig. Doch etwas fällt mir auf. Gelbe Kreuze an den Ortseingängen, auf dem Friedhof an der Kirche ein Kreuz aus gelben Osterglocken. Das gelbe Kreuz – Symbol des Protestes der Einwohner gegen den geplanten Abriss ihres Dorfes.

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Das Dorf Pödelwitz und das Kraftwerk Lippendorf, dazwischen der Tagbau Vereinigtes Schleenhain

Das Dorf Pödelwitz und das Kraftwerk Lippendorf, dazwischen der Tagbau Vereinigtes Schleenhain

Was ich nicht wusste, zwei Tage zuvor gab es eine Protestaktion der Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz“ gegen die Ausdehnung des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. Die verbliebenen Einwohner von Pödelwitz wollen sich den herannahenden Kohlebaggern nicht kampflos ergeben. Einige Einwohner kennen das Szenario bereits. Sie mussten Dörfer in der Umgebung verlassenden, die dem Braunkohlebergbau weichen mussten. Sie haben in Pödelwitz eine neue Heimat gefunden, die sie nun wieder verlassen sollen.

Bei meinem Spaziergang durch Pödelwitz bin ich erstaunt. Einige Häuser wurden erst nach 1990 neu gebaut. Wie kann das sein, wenn man doch wusste, das Pödelwitz der Braunkohle weichen muss?

Gepflegte Grünfläche mit Spielplatz in Pödelwitz

Gepflegte Grünfläche mit Spielplatz in Pödelwitz

1964 wurde der erste Entwässerungsschacht des Tagebaus Peres nördlich von Pödelwitz abgeteuft. Östlich des Ortes entstanden die Tagesanlagen des Tagebaus Peres. Der Ortsteil Leipen mit 82 Einwohnern musste dem Tagebau weichen. Im Jahr 2012 unterzeichneten die Stadt Groitzsch sowie die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) den Grundlagenvertrag zur Umsiedlung der Ortslage Pödelwitz und den Nachbarschaftsvertrag mit der Stadt Groitzsch.
Eine Mehrheit der Einwohner von Pödelwitz hatte dem Abriss des Dorfes zugestimmt und sich freiwillig zur Umsiedlung bereiterklärt. Die MIBRAG als Betreiber des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain wollte den Ort ursprünglich nicht abreißen. Über 80% der Einwohner von Pödelwitz hatten sich für den Umzug ausgesprochen.

Viele Häuser in Pödelwitz stehen bereits leer

Viele Häuser in Pödelwitz stehen bereits leer

Spätestens 2018 soll die Umsiedlung der Pödelwitzer abgeschlossen sein. Fast 90% der Flächen hat die MIBRAG bereits aufgekauft. 80% der Einwohner waren für den Abriss ihres Dorfes, einige aber auch dagegen und diese haben sich in der Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz“ zusammengeschlossen und gehen juristisch gegen die Pläne vor.

Im Frühjahr 2016 lebten noch sechs Familien in Pödelwitz. Viele Häuser stehen leer. Verfallen wirkt das Dorf jedoch nicht. Die Grundstücke und Grünflächen sind gepflegt, der Spielplatz intakt. Den Eindruck eines sterbenden Dorfes konnte ich in Pödelwitz nicht gewinnen.

Saniertes Gehöft in Pödelwitz

Saniertes Gehöft in Pödelwitz

Eine Genehmigung zum Abriss des Dorfes Pödelwitz ab 2018 gibt es bisher nicht. Die MIBRAG kauft weiterhin Flächen auf.

Was wird aus Pödelwitz?

Die Antwort auf diese Frage bleibt spannend. Kommt das Dorf weg, kann sich der Tagebau Vereinigtes Schleenhain ausdehnen. Bleibt das Dorf stehen, ist es an drei Seiten umgeben von Tagebau, der an den letzten Gartenzäunen kratzt. Kann ein Dorf unter solchen Bedingungen überleben?

Kirche von Pödelwitz

Kirche von Pödelwitz

Schwierige Frage. Interessant wird es, sollte das Dorf stehen bleiben. Im Jahr 2040 wird der Tagebau Vereinigtes Schleenhain eingestellt, saniert und rekultiviert. Der Pereser See entsteht und dann liegt Pödelwitz ideal zwischen Pereser See und Großstolpener See im Leipziger Neuseenland. Aber kann man ein Dorf, das fast leer steht, über 20 Jahre am Leben erhalten? Die Vorstellung ist schwierig.

Pödelwitz ja oder Pödelwitz nein – die Frage bleibt im Raum. Eine juristische Klärung scheint derzeit der einzige mögliche Weg zu sein.

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Autor: Mirko Seidel am 17. Apr 2017 16:32, Rubrik: Artikel, Artikel & Berichte, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


3 Reaktionen zu “Besuch in Pödelwitz mit schalem Beigeschmack”

  1. Jens Hausner schreibt

    Sehr geehrter Herr Seidel,
    leider haben Sie in Ihrem Artikel nicht erwähnt, dass die MIBRAG ohne eine bergrechtliche Bewilligung, welche die Inanspruchnahme des Ortes zum Braunkohleabbau regeln würde, das Dorf Pödelwitz in diesen von Ihnen geschilderten Zustand versetzt hat. Das passierte durch das Wegducken aller Entscheidungsträger, die der MIBRAG das Dorf zur Schaffung dieser Fakten überlassen haben. Dabei vergisst die sächsische Landesregierung auch, dass der Ort in der Begründung zum Heuersdorf-Gesetz zum Schutzgut gegenüber dem Braunkohleabbau erklärt wurde. Dieses Gesetz ist Grundlage für die Planung des Tagebau Vereinigtes Schleenhain und wurde durch die Landesregierung gegen den Willen der Heuersdorfer durch mehrere Instanzen geboxt, um die Heuersdorfer aus ihrem Dorf zu bekommen, damit man das Dorf überbaggern konnte. Das Vorgehen der MIBRAG in Pödelwitz verletzt die Grundrechte der verbliebenen Einwohner des Ortes. Begründungen finden Sie dazu im Garzweiler 2-Urteil vom BVG und in Artikel 14 des deutschen Grundgesetzes. Die gleichen Politiker, welche dieses Szenario in Pödelwitz zulassen sind in der Pflicht die Zukunft des Dorfes zu gestalten und das ist eben nicht die Devastierung aufgrund der durch den Bergbautreibenden geschaffenen Faktenlage ohne eine bergrechtliche Bewilligung.

  2. Mirko Seidel schreibt

    Sehr geehrter Herr Hausner,
    danke für Ihren Kommentar. Ich habe volles Verständnis, dass die verbliebenen Einwohner von Pödelwitz gegen den Abriss ihres Dorfes und den Verlust ihrer Heimat kämpfen, vor allem vor dem Hintergrund, dass Menschen betroffen sind, die schon einmal wegen des Braunkohlebergbaus umziehen mussten. Ist es aber nicht so, dass über 80% der Pödelwitzer ihr Dorf der MIBRAG „überlassen“ haben?

  3. Jens Hausner schreibt

    Ja Herr Seidel,
    das ist leider ein gravierendes Problem unserer materialistisch geprägten Gesellschaft. Sie können in jedes beliebige Dorf in Sachsen gehen und mit den Entschädigungszahlungen, wie durch die MIBRAG gezahlt, eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Umsiedlung rekrutieren. Aber trotzdem muss laut Artikel 14 des deutschen Grundgesetzes Eigentum geschützt werden, auch das Eigentum einer Minderheit. Diese Festlegungen durch das Grundgesetz kann man mitnichten durch eine sogenannte ,,demokratische Mehrheitsentscheidung“ aufheben. In Pödelwitz gibt’s ja noch nicht mal eine bergrechtliche Bewilligung, welche das Vorgehen der MIBRAG im Dorf legitimieren würde. Rechtskonform sieht anders aus. Grundsätzlich sind außerdem Enteignungen zum Zwecke des Braunkohleabbaus nicht mehr zur Absicherung des Gemeinwohls zu begründen.
    Unsere Enteignung wäre nur das Ergebnis einer bergrechtliche Bewilligung, welche diese TAGEBAUERWEITERUNG genehmigen würde. Mit welchem Gemeinwohlziel will man diese Erweiterung begründen???

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