Artikel & Berichte

Burgen, Schlösser und Herrenhäuser entlang der Mulde

Exkursion zwischen Grimma und Rochlitz

Schloss Colditz an der Zwickauer Mulde

Schloss Colditz an der Zwickauer Mulde

Im Herbst 2016 startete die vierte Exkursion der Volkshochschule Leipzig an die Mulde. Ziel war das Muldedreieck, die Vereinigung der Freiberger Mulde und der Zwickauer Mulde zur Vereinten Mulde.

Acht kultur- und zeitgeschichtlich interssierte Exkursionsteilnehmer tauchten ein in die wettinische und deutsche Geschichtslandschaft an der Mulde in Sachsen. Organisiert und begleitet wurde die Tour von mir.

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Kloster Nimbschen, Ansicht von Nordwesten

Kloster Nimbschen, Ansicht von Nordwesten

Startpunkt der Mulde-Exkursion war Kloster Nimbschen bei Grimma. 1243 wird das Nonnenkloster Marienthron durch Markgraf Heinrich den Erlauchten bei Torgau gegründet. Um 1250 zieht das Koster in die Stadt Grimma und wird mit Pfarrei und Hospital ausgestattet. Vor 1291 beziehen die Nonnen das neu errichtete Kloster Nimbschen und stärken somit die Stellung ihres wettinisch-markgräflichen Territorialherren. Im Jahr 1523 fliehen neun Nonnen aus dem Kloster Nimbschen nach Torgau, darunter Katharina von Bora, die spätere Frau von Martin Luther. Mit Margaretha (II.) starb 1536 die letzte Marienthroner Äbtissin, das Kloster wurde daraufhin aufgelöst, der Wirtschaftsbetrieb noch von dem Klosterverwalter fortgeführt. 1542 verpachtet Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen das Klostergut. Zwischen 1550 und 1948 war das Landesschulgut im Besitz der Fürstenschule in Grimma.

Jagdhaus Kössern an der Mulde bei Grimma

Jagdhaus Kössern an der Mulde bei Grimma

Das nächste Ziel der Exkursion war das Rittergut Kössern. Bereits die Slawen errichteten an der Mulde eine Siedlung mit Burganlage. 1348 wird ein Herrensitz des Apez von Kozzer erwähnt. Nikol von Techwitz erhält 1541 das Rittergut und baut es um. Das Herrenhaus stammt in seiner Grundform aus dieser Zeit. Im Jahr 1695 baut der Kurfürstlich-sächsische Oberhofjägermeister Wolf Dietrich von Erdmannsdorff das Rittergut Kössern um und lässt um 1709 das Jagdhaus Kössern, vermutlich von Matthäus Daniel Pöppelmann erbauten. 1718 wird noch das Kavaliershaus errichtet. Das Jagdhaus gehört zu den eindrucksvollsten Barockgebäuden im Raum Leipzig. Das Rittergut wurde seit 2012 umfassend saniert und beherbergt heute u.a. einen Hofladen mit Produkten aus der Region.

Wasserschloss Podelwitz

Wasserschloss Podelwitz

Wir fuhren weiter zum Rittergut Podelwitz. Erstmals urkundlich erwähnt wird es 1487, als ein Herr von Schellenberg, sich damals 200 Gulden von den frommen Brüdern zu Colditz leiht. Der Herrensitz wird aber bereits 1217 erwähnt. Im Jahr 1691 kauft Ulrich Maximilian Rechenberg das Schloss, baut es um und gestaltet die Innenräume neu. Er übernimmt sich mit dem Bau und verkauft Schloss und Gut Podelwitz im Jahr 1693 an Moritz von Ankelmann, der 1722 stirbt. 1723 bis 1781 gehörte das Gut der Familie von Kötteritz, dann erfolgt der Verkauf an den Kurfürstlichen Sächsischen Kammerrat Johann Gottfried Lorenz.
Als seine Tochter Johanne Wilhelmine Freiin von Lorenz 1850 unverheiratet starb, erbt ihre nächste Verwandte Auguste Freiin von Reiswitz das Rittergut Podelwitz. Sie lässt 1867 das Muldenschlösschen bauen. Letzter Besitzer war Wenzel Freiherr von Reiswitz und Kadersin der im Jahr 1923 im Alter von 14 Jahren Erbe wurde.

Schloss Colditz

Schloss Colditz

Nach dem Mittagessen in Podelwitz führte uns der Weg zum Schloss Colditz. Große Teile des Schlosses stammen aus der frühen Renaissance (um 1520) unter Einbeziehung spätgotischer Bauteile und einer älteren Burganlage. Das Schloss in Colditz entstand hauptsächlich in zwei Etappen, aus einem gotischen Vorgängerbau in Form einer Ringanlage (heute das Hinterschloss) und der entscheidenden Bautätigkeit des heute sichtbaren Renaissance-Schlosses unter Kurfürst Friedrich dem Weisen.
Das Hinterschloss ist ein geschlossenes Gebäudeensemble, bestehend aus Keller-, Kirchen, Fürsten-, Küchen- und Saalhaus um einen ovalen Hof. Die Schlosskapelle entstand aus einer Marienkapelle aus dem 12. Jahrhundert. Die heute sichtbare sichtbare Kapelle reicht über drei Geschosse und war bis zur Nutzung des Schlosses als Landesanstalt ein rechtwinkeliger Raum mit zwei Emporengeschossen, der mit drei Kreuzgewölbejochen überspannt war und vor 1420 gebaut wurde.

Im Wirtschaftshof des Unterschlosses fällt vor allem das heute als Jugendherberge genutzte, aus dem 19. Jahrhundert stammende Gebäude des früheren Krankenhauses auf. Eine Besonderheit bildet der Tiergarten. 1523 gab es einen ein Kilometer langen umfriedeten Tiergarten, eine der frühen Anlagen dieser Art in Deutschland. 1587 bis 1591 erfährt der Colditzer Tiergarten eine Erweiterung durch Kurfürst Christian I. von Sachsen. Unter Kurfürst Johann Georg I. wird der Tiergarten 1624 erneut erweitert.

Marktplatz und Schloss in Colditz

Marktplatz und Schloss in Colditz

Die Ersterwähnung des Burgwards Colditz stammt aus dem Jahr 1046 in der Schenkungsurkunde der Burgwarde Colditz, Rochlitz und Leisnig durch Kaiser Heinrich III. an seine Gemahlin Agnes von Poitou. Kaiser Heinrich IV. beschenkt im Jahre 1084 seinen Dienstmann Wiprecht von Groitzsch mit dem Burgward, welcher die Anlage zur Burg ausbaute. Thimo I. von Colditz wurde 1158 durch Kaiser Barbarossa zum Reichsministerialien erhoben, damit gehörte die Burg Colditz zum Reichsgut (Pleißenland).

1309 wurde Burg Colditz durch Kapitulation Eigentum von Markgraf Friedrich dem Freidigen. Die Hussiten zerstören die Burg 1429. 1464 erfolgt der Wiederaufbau durch Kurfürst Ernst von Sachsen, der hier 1486 auf der Rückreise vom Reichstag zu Frankfurt am Main an den Folgen eines Jagdunfalls starb. Seine erste Blütezeit erlebte Schloss Colditz als Jagdschloss unter Kurfürst Friedrich dem Weisen. Nach dem Stadtbrand von 1504 wird das Schloss nach 1506 umgebaut und besonders um 1520 im Stil der frühen Renaissance umfassend erweitert und neu ausgestattet.

Seine zweite Blütezeit erfährt Schloss Colditz unter Kurfürst Christian I. von Sachsen und seiner Gattin Sophie von Brandenburg im späten 16. Jahrhundert und frühen 17. Jahrhundert. Kurfürstin Sophie bezog das Schloss von 1602 bis 1611 als Witwensitz. Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen (August der Starke) war der letzte sächsische Herrscher, der Schloss Colditz mit seiner Jagdgesellschaft besuchte.

1787 wird das Inventar verkauft. Das Schloss wird 1803 Arbeitshaus des Leipziger Kreises für bis zu 200 Insassen, die weitestgehend als „unbescholten“ galten, also keine eigentlichen Verbrecher waren sondern eher den Randgruppen der Gesellschaft angehörten und zur Arbeit erzogen werden sollten.

Schloss Colditz, Postkarte um 1940

Schloss Colditz, Postkarte um 1940

1829 werden im Schloss Colditz unheilbar Geisteskranke untergebracht, im gleichen Jahr wird das Schloss Landesversorgungsanstalt für unheilbare Geisteskranke mit bis zu 400 Patienten. Bekanntester Patient war zwischen 1871 und 1899 Ludwig Schumann, ein Sohn Robert Schumanns.

1864 wird der Krankenhausneubau im Unterschloss fertiggestellt. Die Schließung der Landespflegeanstalt für Geisteskranke erfolgt 1929, ab April 1926 wird Schloss Colditz Landes–Korrektionsanstalt. Ab 1933 ist es Schutzhaftlager für rund 600 Systemgegner wie Bruno Apitz und Hermann Liebmann.
1936 bis 1937 nutzt der Reichsarbeitsdienst das Schloss, es beherbergte Teile des Stadtmuseum und verschiedene NSDAP-Formationen. 1938 wird das Schloss Colditz Landes-Heil- und Pflegeanstalt mit ca. 360 Betten.
Zwischen 1939 und 1945 ist Schloss Colditz Kriegsgefangenenlager mit der Bezeichnung Oflag IV C als Sonderlager für Offiziere. Nach dem 2. Weltkrieg dient das Schloss als Sammelstelle für enteignete und vertriebene Gutsbesitzer und deren Familien. Ab 1946 bis 1996 ist es Krankenhaus.

Nach 1996 finden umfangreiche Sanierungen durch den Freistaat Sachsen statt. Heute beherbergt Schloss Colditz eine Ausstellung über die Fluchtversuche alliierter Offiziere, 2007 wurde die Jugendherberge eröffnet und 2010 die Landesmusikakademie Sachsen.

Schloss Rochlitz

Schloss Rochlitz

Letzte Station auf der Exkursion im Muldedreieck war das Schloss in Rochlitz. In mittel- und spätslawischer Zeit war die Burg Rochlitz Zentrum des slawischen Kleingaus Rochlitz. Das Gebiet an der Mulde kam wahrscheinlich unter König Heinrich I. unter deutsche Herrschaft. In der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde ein Burgwards mit dem Mittelpunkt Burg Rochlitz eingerichtet. Die Burg Rochlitz war ursprünglich Reichsgut. Um 1000 kommt sie als Allodialbesitz an Markgraf Ekkehard von Meißen. 1046 fallen die ekkehardinischen Besitzungen wieder an das Reich und wurden durch König Heinrich III. mit dem übrigen Reichsgut an der Mulde zusammengefasst.

In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts war Rochlitz eine bedeutende salische Reichsburg, mindestens zwei Königs- und Kaiseraufenthalte sind belegt. 1143 erhält Markgraf Konrad I. von Meißen Burg und Land Rochlitz durch Schenkung König Konrads III. zu Eigen. Damit kommt Schloss Rochlitz an das Haus Wettin, wo es bis 1918 verblieb.

Schloss Rochlitz, Fürstenhaus

Schloss Rochlitz, Fürstenhaus

Unter Markgraf Dietrich von Meißen erfolgt 1210 die Wiedereingliederung in die Markgrafschaft Meißen, bevor die Burg zwischen 1296 und 1298 nochmals Reichseigentum ist.

Seine Blüte erlebte Schloss Rochlitz unter den gemeinsam regierenden Brüdern Friedrich, Balthasar und Wilhelm. Markgraf Wilhelm I. der Einäugige ließ sich im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts eine anspruchsvolle gotische Schlossanlage errichten. Schloss Rochlitz war zu dieser Zeit eine Hauptzahlungsstelle der Markgrafschaft, diente als Finanzarchiv für die Freiberger Bergschreiber und ab 1384 als Gerichtsort eines Landfriedens.

1457 war das Schloss Rochlitz zeitweilig Prinzenschule von Ernst und Albrecht beziehungsweise 1477 von Friedrich (später der Weise) und Johann (der Beständige). Zwischen 1477 und 1480 erfolgt der Umbau zum Festen Schloss, der Umbau der Schlosskapelle (um 1480) und der Neubau der Petrikirche (1470/99). 1507 bis 1510 war Schloss Rochlitz Residenz für den Hochmeister des Deutschen Ordens, Friedrich von Sachsen.

Seinen kulturellen Höhepunkt erlebte Schloss Rochlitz von 1537 bis 1547, als die Herzoginwitwe Elisabeth von Hessen, eine maßgebliche Förderin der Reformation in Sachsen, hier ihren Sitz nahm. Ihr folgten 1586 bis 1591 Kurfürst Christian I. von Sachsen und 1591 bis 1611 Kurfürstenwitwe Sophie. In dieser Zeit erfolgt der Umbau zum Jagdschloss mit Umgestaltungen des Fürstenhauses 1537/47 und ab 1586 sowie der Errichtung des „Kleinen Hauses“ 1588.

Schloss Rochlitz, Querhaus und Schlosskapelle

Schloss Rochlitz, Querhaus und Schlosskapelle

1645 wird das Unterschloss durch einen Brand zerstört. Im 18. Jahrhundert erfährt Schloss Rochlitz einen starken Niedergang mit dem endgültigen Abbruch des Unterschlosses 1717 und 1784 weiterer Teile des Schlosses, wie das Palasobergeschoss, das Brunnen- und Kornhaus und anderer Bauteile.

1848 wird ein Wachkommando und später eine Infanterie stationiert, ab 1850 ist das Schloss Sitz eines Bezirksgerichts. 1852 erfolgen Umbauten im Fürsten- und Querhaus für die Justiz und zur Errichtung des bis 1961 genutzten Zellengebäudes der Untersuchungshaftanstalt.

1893 wird in der Schlosskapelle ein Museum eingerichtet, das viertälteste Burgmuseum in Sachsen. 1944/45 ist das Schloss Rochlitz Auslagerungsort für Kunst- und Kulturgut aus dem Staatsarchiv Dresden, der Universitätsbibliothek Leipzig und dem Museum der bildenden Künste Leipzig.

Nach Ende des 2. Weltkrieges ist das Schloss Rochlitz von April bis Juni 1945 Auffanglager der US-Army für Kriegsgefangene und NSDAP-Funktionsträger, ab Juli 1945 bis Mai 1947 NKWD-Sitz und –Lager. Im Mai 1948 wird das Museums wiedereröffnet. Nach umfangreichen Sanierungen nach 1990 dient das Schloss heute als Museum und Ausstellungsort.

Das Land im Muldedreieck hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Könige, Markgrafen und Kurfürsten prägten das Land genau so, wie die Wirren der Geschichte. Die Zeugnisse aus über 1000 Jahren deutscher und sächsischer Geschichte sind im Muldedreieck auf engstem Raum lebendig erlebbar.

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Quelle:
Informationstafel am Gebäude
Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen II, Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, Deutscher Kunstverlag München Berlin, 1998,
www.wikipedia.de

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Autor: Mirko Seidel am 13. Okt 2016 16:57, Rubrik: Artikel & Berichte, Muldetal, Reiseberichte, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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