Geschichte & Geschichten

800 Jahre Bürgerstadt Leipzig

Kümmer dich selbst um deine Angelegenheiten, dann erreichst du deine Ziele. So oder so ähnlich könnte der Wahlspruch der Leipziger Bürger lauten – kümmer dich selbst um deine Stadt, dann geht es dir und deiner Stadt gut. Leipzig war immer Bürgerstadt. Von hier aus regierte nie ein sächsischer Kurfürst oder König. Die Bürger kümmerten sich selber um ihre Stadt. Wie jede Geschichte, hat auch die der Bürgerstadt Leipzig einen Anfang.

Markgraf Dietrich der Bedrängte von Meißen auf dem Dresdener Fürstenzug

Markgraf Dietrich der Bedrängte von Meißen auf dem Dresdener Fürstenzug

Man schreibt das Jahr 1217. Die aufstrebende Handelsstadt Leipzig gehört zur Markgrafschaft Meißen. Der regierende Markgraf heißt Dietrich, man wird ihn später „den Bedrängten“ nennen.

Leipzig wollte Freie Reichsstadt werden, weg von Markgraf Dietrich, direkt dem Kaiser unterstellt. Das gefiel Markgraf Dietrich von Meißen gar nicht, sah er doch seinen Einfluss in der Stadt Leipzig und seine Einnahmen aus der Handelsstadt dahinschwinden. Er handelte einen Kompromiss mit den Leipziger Bürger aus. Doch Dietrich wurde wortbrüchig, hinterging die Stadt und ihre Bürger, überfiel sie, riss die Stadtmauer nieder und machte Stadt und Bürger somit schutzlos. Er ließ drei Zwingburgen um die Stadt bauen, verband diese mit einer Mauer und machte so klar, wer der Herr in der Stadt ist. Glücklich wurde Markgraf Dietrich von Meißen allerdings nicht. 1221 vergiftet ihn sein Leibarzt, die Leipziger Bürger sollen ihn dazu angestiftet haben.

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Dieses Ereignis mag Auslöser gewesen sein, dass die Leipziger immer ein zurückhaltendes, wenn nicht sogar gespaltenes Verhältnis zur Obrigkeit gehabt haben. Die nachkommenden Markgrafen von Meißen und die ihnen folgenden Kurfürsten von Sachsen hatten verstanden: Lasst die Leipziger in Ruhe, kassiert mit an den Leipziger Messen und alle sind zufrieden.

Kurfürst Friedriuch August I. von Sachsen, Gemälde in der Galerie Alte Meister in Dresden

Kurfürst Friedriuch August I. von Sachsen, Gemälde in der Galerie Alte Meister in Dresden

Das ging relativ gut, bis Friedrich August I. 1694 Kurfürst von Sachsen wurde, auch genannt August der Starke. Den sahen die Leipziger gern in ihrer Stadt – zur Eröffnung der Messe. Danach durfte er die Stadt bitte auch schnell wieder verlassen. Doch August schien es in Leipzig gefallen zu haben, er wollte sich ein Schloss bauen. Standort des Schlosses sollte das Rosental sein, ein Waldgebiet nordwestlich der Stadt. August ließ schon mal eine große Wiese anlegen und Schneiden durch den Wald schlagen. Das Dumme am Schlossbau war – die Leipziger sollten das Schloss bezahlen. Darauf hatten die gar keine Lust. Doch wie bringt man das seinem absolutistischen Landesherren bei? Den Leipzigern fiel etwas ein, um dem starken August das Rosental auszureden. Durch das Rosental fließt die Parthe – Hochwasser – schlecht fürs Schloss. Im Rosental gibt es Mücken – handtellergroße Mücken – schlecht für den Kurfürsten. Im Rosental hausen die Räuber – schlecht für Schloss und Kurfürst. August wollte sich selbst ein Bild machen und kam nach Leipzig. Die Legende berichtet, der Leipziger Bürgermeister hätte Studenten dafür bezahlt, dass sie im Rosental Räuber spielten. Die Legende erzählt weiter, die handtellergroßen Mücken hätten das Pferd von August attackiert, das Tier scheute und warf den Kurfürsten ab. Das war eine große Schmach und so zog sich August nach Dresden zurück und aus diesem Grund hat Leipzig kein barockes Schloss.

Alte Nikolaischule Leipzig

Alte Nikolaischule Leipzig

Die Bürgerstadt Leipzig hat noch viele andere Facetten. 1512 wird die erste Städtische Schule gegründet, die Nikolaischule. Bildung wird damit zur Sache der Stadt. Die erste Bürgerschule wurde 1796 eröffnet, auf den Fundamenten der geschleiften Moritzbastei. Das Schulgebäude steht für einen weiteren Aspekt der Bürgerstadt Leipzig. 1837 wurde der Leipziger Kunstverein gegründet. Die Bürger hatten Gemälde gesammelt und wollten diese nun der Öffentlichkeit zeigen. Seine ersten Räume bezieht das Leipziger Bildermuseum in der ersten Bürgerschule auf der Moritzbastei. Durch Schenkungen Leipziger Bürger, darunter Maximilian Speck von Sternburg und Adolf Heinrich Schletter wuchs die Sammlung. Schletter schenkte seine Sammlung der Stadt mit der Bedingung, dass diese binnen fünf Jahren ein Gebäude errichten muss. 1858 wird der Museumsneubau am Augustusplatz eingeweiht.

Franz Dominic Grassi, ein Leipziger Kaufmann italienischer Herkunft, vererbt der Stadt Leipzig 1880 ein Vermögen von mehr als zwei Millionen Mark. Zahlreiche Bauvorhaben wurden aus diesem Vermögen finanziert, so das Alte Grassimuseum, heute die Leipziger Stadtbibliothek, das (alte) Gewandhaus und das heutige, Neue Grassimuseum.

Das Neue Gewandhaus Leipzig am Augustusplatz

Das Neue Gewandhaus Leipzig am Augustusplatz

Die Bürgerstadt Leipzig brachte auch das erste bürgerliche Orchester in Deutschland hervor, das Gewandhausorchester. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1479 zurück, als der Rat der Stadt für die musikalische Begleitung städtischer Feste, für Gottesdienste und Theateraufführungen Stadtpfeifer anstellte. 1743 finanzierten 16 Leipziger Kaufleute 16 Musiker, denen u. a. Stadtpfeifer angehörten, zur Gründung einer musikalischen Gesellschaft, dem Leipziger Concert. Die Konzerte fanden in Bürgerhäusern statt. 1780 bis 1781 wird der Dachboden des Gewandhauses Leipzig, des Innungshauses der Leipziger Tuchmacher, in einen repräsentativen Konzertsaal umgebaut. Das Haus ist weg, der Name blieb.

Der Herbst 1989 ist eng mit der Bürgerstadt Leipzig verbunden, auch wenn diese kurzzeitig und inoffiziell den Namen Heldenstadt verliehen bekam.

Belagerung Leipzigs durch die Schweden 1632

Belagerung Leipzigs durch die Schweden 1632

Wenn die Bürger die Sache selbst in die Hand nahmen, ging es Leipzig gut. Wenn fremde Mächte die Stadt beherrschten, egal ob Schweden, Preußen, Franzosen oder Russen, ging es der Stadt schlecht.

Was ist aus der Bürgerstadt Leipzig nach 1990 geworden? Anfang der 1990er Jahre ist sie noch aktiv, die Bürgerstadt Leipzig. Proteste führen zur Einstellung des Braunkohletagebaus Cospuden und retten den Leipziger Auwald vor der Abholzung. Proteste verhindern, dass ein Investor Specks Hof entkernt und somit eines der bedeutendsten Messehäuser der Stadt zerstört. Proteste verhindern, dass ein Investor den Industriestadtteil Plagwitz abreist und eine Hochhauscity errichtet.

Montagsdemonstration in Leipzig 1989

Montagsdemonstration in Leipzig 1989

Ein bisschen scheint die Bürgerstadt Leipzig in den letzten Jahren eingeschlafen zu sein. Alles gut in Leipzig? Keine Bürgerprotest mehr nötig? Sicher nicht. „Aufreger“ gibt es in Leipzig genug – Hotel Astoria, knapper werdender (bezahlbarer) Wohnraum, steigende Preise im ÖPNV … es ist an der Zeit, dass die Bürger von Leipzig sich ihrer alten Stärke erinnern.

Bildnachweis: Belagerung 1632: Von Matthäus Merian – Peace Palace Library, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32654306
Montagsdemonstration: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0922-002 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348070

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Autor: Mirko Seidel am 8. Okt 2017 18:03, Rubrik: Geschichte & Geschichten, Stadt Leipzig, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,


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